Die Gottverlassenheit des Jesus von Nazareth



Matthias Grünewald (1475 - 1528), einer der großartigsten, unbekanntesten und wirkmächtigsten Künstler der europäischen Kunstgeschichte schuf um 1514 den Isenheimer Altar, der in der französischen Revolution entsakralisiert wurde und sich heute im Musée d'Unterlinden in Colmar befindet.

Markus 15, 34

Es ist wohl das Erstaunlichste am Christentum: Der Mensch gewordene Gott ruft am Kreuz, dem schmählichsten Hinrichtungsinstrument des römischen Imperiums: eloi, eloi, lama sabachtani, Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Christus selbst verkündet den Atheismus. Eine solche Negation gibt es in keiner Religion. Judentum, Islam und die anderen Monotheismen erzählen von einem mächtigen Gott und seinen Gesetzen, aber nie vom Ausdruck seiner totalen Ohnmacht und Verzweiflung ...


Verlassenheit an der Wurzel des Christentums

Hegel bezeichnet das Christentum als absolute Religion. Dies trifft nicht zuletzt wegen des im Christentum enthaltenen Atheismus zu. So gesehen ist das Christentum eine Aufhebung der Religion, da es jene Form enthält, die als Antithese zur Religion verstanden werden muss, den Atheismus.

Der Tod reißt das Menschenleben entzwei. Keine Religion und keine Philosophie vermag das Fragment, welches das irdische, auf den Tod zulaufende Leben darstellt, zu einem sinnvollen Ganzen abzurunden. Keine vermag jenes ergänzende Stück hinzuerfinden, auch wenn es Unsterblichkeit der Seele, Seelenwanderung oder wie auch immer genannt wird. Der Tod steht am Ende jedes Lebens und macht es wohl zur Makulatur, fast ist man versucht zu sagen, er entwertet es. Natürlich bleibt der Mensch frei, seinem Dasein diesen oder jenen Sinn zu geben. Unerkennbar ist jedoch, ob der Tod ein totales Ende darstellt oder einen Übergang, den, könnten wir ihn erfassen, als möglichen Sinnhorizont erfahren würden.

Es ist alter Glaube der Christen, dass die Rettung des Menschen nicht durch die Menschwerdung oder die Kontinuität des sterblichen Lebens Jesu geschieht, sondern durch den Abgrund seines Todes.

Gott musste, wenn er die Erfahrung des Menschen machen wollte, um ihn von innen her aufzurichten und zu heilen, die Entscheidung auf jene Stelle legen, an welcher der sterbliche Mensch am Ende ist, sich im Tod verliert, in die Grube sinkt, welche die Lebenden als Finsternis erahnen und spüren. Wenn der geliebte Mensch stirbt, weinen die Hinterbliebenen und trauern. Wäre uns der Tod gleichgültig, würden wir ihn nicht als finstere Nacht wahrnehmen, es gäbe nicht die Trauer, die alle Menschen erfasst. Sogar die Tiere zeigen uns ihre Qual im Angesicht des Sterbens.

Das am Kreuz Geschehene bedeutet für die Christen die Entdeckung eines Mysteriums des Göttlichen. Dieses göttliche Geheimnis, das in zahlreichen christlichen Mythen seinen Ausdruck fand, vollzieht sich in der Gottverlassenheit Jesu am Kreuz in herausragender und schwer verstehbarer Weise. Der alte Mythos vom Engelssturz, der sich am Anfang im göttlichen Bereich abspielt und dann die Schöpfung erfasst, lässt erahnen, dass der Tod und seine Schrecken in Gott selbst grundgelegt sind. Die andauernde Fixierung auf die Idee von der Allmacht Gottes verstellte die anderen Sichtweisen auf Gott. Wenn schon die Bosheit auf die sündige Natur des Menschen zurückgeführt wird und der Mensch ohne persönliches Verschulden in diese Welt hineingeboren wird, lässt sich auch mit größter Demut nicht erkennen, warum Gott dieses kalte Weltall erschaffen haben soll, mit seinen sinnlos erscheinenden interstellaren Katastrophen, irdischen Desastern und verabscheuungswürdigen Abgründen, die sich im Menschen auftun.


Aus: Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung

„Dieser Welt, diesem Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen, dass eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Tier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist, wo sodann mit der Erkenntnis die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden, wächst, welche daher im Menschen ihren höchsten Grad erreicht und einen um so höheren, je intelligenter er ist, - dieser Welt hat man das System des Optimismus anpassen und sie als die beste unter den möglichen andemonstrieren wollen. Die Absurdität ist schreiend.

Inzwischen heißt ein Optimist mich die Augen öffnen und hinsehen in die Welt, wie sie so schön sei, im Sonnenschein, mit ihren Bergen, Tälern, Strömen, Pflanzen, Tieren und so fort. Aber ist denn die Welt ein Guckkasten? Zu sehen sind diese Dinge freilich schön; aber sie zu sein, ist etwas Anderes.“


Schlussbetrachtung

Die Theologie ist die Lehre von dem, was die Menschen wissen können, von dem, was sie glauben. Und was sie glauben, ist das Ergebnis langer Traditionen, die mit eigenen Erfahrungen und Hoffnungen verbunden sind. So könnte sich für den Christen, der Mythen als Mythen betrachtet, sich seiner Vernunft bedient und Selbsttäuschungen vermeidet, eine These ergeben, welche die Schrecken des Universums und der irdischen Natur in Verbindung mit jenem innergöttlichen Drama bringt, dessen Außenseite dem Menschen in dieser Welt widerfährt. Christus wird so zum göttlichen Fingerzeig einer für den Menschen unfassbaren grausamen Realität.

Nimmt man also den Kreuzestod Jesu ernst, so ergibt sich für den Christen keine triumphierende Gewissheit, sondern der Glaube, dass die Verlassenheit, wie sie Jesus am Kreuz repräsentierte, jene widerspiegelt, die wir selbst in unserem Leben erfahren. Wenn uns auch durch unsere unauslöschliche Hoffnung jenes Licht zuteil wird, das am Horizont einer dunklen Nacht zu sehen ist, so wissen wir doch nicht, ob es der letzte Schimmer der versunkenen Sonne ist oder einer Morgenröte, die einen strahlenden neuen Tag verkündet.

Sollte sich die menschliche Auferstehungshoffnung erfüllen, so kann der Mensch vielleicht einmal auch verstehen, warum Gott selbst in tiefstes menschliches Leid versinken musste, um seine Schöpfung zu retten. Doch dies sind Gedanken, die dem Topos Mythos zuzuordnen sind, der angesichts der Beschäftigung mit dem Undenkbaren wieder respektvoll als adäquates menschliches Mittel für die Betrachtung des Göttlichen angesehen werden soll...



Albrecht Altdorfer, um 1480 in Regensburg geboren, wo er am 12. II. 1538 auch starb, gilt als Hauptmeister der sog. Donauschule, der als herausragender Vertreter der deutschen Renaissance die Landschaft thematisiert.

Das Kreuz als Symbol des Christentums

Heute gilt das Kreuz als Symbol des Christentums. 431 wurde es durch das Konzil von Ephesus offiziell als christliches Zeichen hervorgehoben. Dieses Hauptsymbol leitet sich von der Kreuzigung Jesu ab und ist daher in der christlichen Theologie eng mit dem Thema Schuld und Sühne verbunden. Der Gekreuzigte gilt als der Erlöser, welcher der menschlichen Hoffnung Fundament gibt.


Verlassenheit

Irgendwann macht jeder Mensch die Erfahrung der Verlassenheit. Er kommt darüber hinweg, früher oder später, gereift oder verbittert. Verlassen zu werden ist eine der größten Enttäuschungen, die wir im Leben erfahren. Ent-täuschen bedeutet, dass wir bis jetzt einer Täuschung erlegen sind, die wir nun mit Bitterkeit akzeptieren müssen. Entweder wurden wir von Anderen getäuscht oder wir selbst haben uns Illusionen hingegeben.





Fra Angelico,1387 – 18. II. 1455, Malermönch der Frührenaissance, Ausschnitt, Tempera auf Holz,, ca 1437-1446, Florenz, Kloster San Marco


Der Dichter hat das Wort ...


Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manchesmal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, -
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds –
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut...

Berlin-Schmargendorf, 22. IX. 1899
Rainer Maria Rilke

... Ich finde dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.
Ich finde dich nicht mehr. Ich bin allein.

Ich bin allein mit aller Menschen Gram,
den ich durch Dich zu lindern unternahm,
der du nicht bist. O namenlose Scham...

Später erzählte man: ein Engel kam -,

Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht
und blätterte gleichgültig in den Bäumen...

Paris, Mai/Juni 1906
Rainer Maria Rilke









Matthias Grünewald, Isenheimer Altar, Der auferstandene Christus

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