ECHNATON UND MOSES

von Nikolaus Werle

Was haben der ägyptische Pharao und der Gesetzgeber der Israeliten gemein?

Echnatons Regentschaft wird zwar mit kleinen Abweichungen datiert, aber von der gesamten Fachwelt zwischen 1351 und 1334 v. Chr. angegeben. Die Quellenlage bei Moses ist schwieriger. Die biblischen Texte lassen eine eindeutige historische Datierung nicht zu. Die außerbiblischen Quellen berichten erst in hellenistischer Zeit vor allem polemisch über ihn. Die meisten Ägyptologen und Historiker setzen seine Lebensdaten im 13. Jhdt v.Chr. an.
Beide sind religiöse, ins Innere ihrer Völker gerichtete Reformer. Der eine, Echnaton, ist Herrscher eines der mächtigsten Reiche des Altertums, der nach seinem Tod aus dem Gedächtnis der Menschen ausgelöscht werden wird. Der andere, Moses, wird zum Gesetzgeber seines Volkes und darüber hinaus durch die Bibel zu einer der prägenden Gestalten der Menschheit.


Der Pharao

Pharao Amenhotep IV., der spätere Echnaton, war der jüngere Sohn Amenhoteps III. und seiner Gemahlin Teje. Mit seiner Religionsstiftung, dem Bau seiner neuen Hauptstadt Achet-Aton und nicht zuletzt auch durch seine schöne Gemahlin Nofretete wurde Amenhotep IV. Echnaton zu einer der faszinierendsten Persönlichkeiten in der ägyptischen Königsgeschichte. Mit seinem Namen verbindet sich der erste uns bekannte monotheistische Aufbruch in der Religionsgeschichte der Menschheit. Diese Tat bedeutete für die meisten Zeitgenossen eine schwer erträgliche Erfahrung. Der Ägyptologe Jan Assmann hat diesen Vorgang das "Trauma von Amarna" genannt, eine Verletzung, eine Wunde, welche Verdrängung, verformte Erinnerung und jede Form kulturellen Abscheus zur Folge hatte. Tatsächlich ist Pharao Echnaton bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vergessen geblieben.

Um 1350 vor Chr. erklärte Echnaton den Sonnengott, in seiner sichtbaren Gestalt als Sonnenscheibe Aton genannt, zum alleinigen Gott. Er bestimmte die vielfältige ägyptische Götterwelt kurzerhand als nicht existent. Echnatons religiöser Umsturz ist die erste bekannte Religionsstiftung in der Geschichte, und wie alle Religionsstiftungen ist sie monotheistisch. Dieser früheste Eingottglaube, der noch vor dem Alten Testament entstand, wurde erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt.


"Bei der Beschreibung seines Gesichts unter der runden blauen Perücke mit Königsschlange, die er heute über der Leinenkappe trug, dürfen die Jahrtausende uns nicht von dem zutreffenden Gleichnis abschrecken, dass es aussah wie das eines jungen, vornehmen Engländers von etwas ausgeblühtem Geschlecht: langgezogen, hochmütig und müde, mit nach unten ausgebildetem, also keineswegs mangelndem und dennoch schwachem Kinn, einer Nase, deren schmaler, etwas eingedrückter Sattel die breiten, witternden Nüstern desto auffallender machte, und tief träumerisch verhängten Augen, von denen er die Lider nie ganz aufzuheben vermochte. ... Hübsch und schön war das Gesicht mitnichten, aber von beunruhigender Anziehungskraft. ..."
So beschreibt Thomas Mann in seinem vierbändigen Romanwerk, Joseph und seine Brüder, den ägyptischen Pharao Echnaton.

Mit einem neuen Stil wurde während seiner Regierung der bewusste Gegensatz zur Kunst früherer Zeiten gesucht. Das Leben selber wollte man abbilden, so wie es durch die Sonne erzeugt wird. Es gab keine idealisierten Gesichter mehr, keine in strenge Regeln gepresste Bildkompositionen. Stattdessen betonte man die Realität, schwungvoll, ohne Tabus, bis hin zur Übertreibung. Mit dieser Auffassung von Wirklichkeit hat sich Echnaton weit vom traditionellen Verständnis entfernt. Bisher war es nicht Aufgabe der Kunst gewesen, die tatsächlich vorhandene Realität abzubilden. Dargestellt werden sollte das Eigentliche in den Dingen, die allem innewohnende Wahrheit. Ma'at nannten die Ägypter diesen Aspekt des Seins, das Leben, wie es eigentlich gemeint war. Ein idealisiertes Bild, das mehr der Ewigkeit angehörte als dem Diesseits. Die Wirklichkeit war vergänglich, ihre Unvollkommenheiten wollte man nicht verewigen.

Echnaton starb 1334 v. Chr. Sein Glaube hatte keinen Bestand. Die brutale Verneinung der traditionellen religiösen Werte war mehr als die Ägypter ertragen konnten. Die siebzehn Regierungsjahre Echnatons wurden nach seinem Tod als eine Zeit der Finsternis und des Verbrechens empfunden. Seine Nachfolger kehrten zum alten Glauben zurück. Ägypten versuchte, alles zu vergessen, was mit Echnaton zu tun hatte, ja, man verdrängte, dass er überhaupt existiert hatte. In späteren Zeiten finden sich lediglich Spuren der Erinnerung an die traumatische Erfahrung in einer düsteren Legende, in der von einer Herrschaft von Aussätzigen die Rede ist und vom Verbot, die Götter zu verehren.

Der übernächste Nachfolger Echnatons, der junge König Tut-anch-Amun, ordnete die Rückkehr zum alten Glauben an. Er gab die von Echnaton erbaute Hauptstadt Achet-Aton auf und ließ sie restlos zerstören. Eine Stele aus seiner Regierungszeit beschreibt die selbstverschuldete Gottesferne der Ära Echnatons:
"Die Tempel der Götter und Göttinnen ... waren im Begriff, vergessen zu werden, und ihre heiligen Stätten im Zustande des Untergangs zu Schutthügeln geworden, die mit Unkraut bewachsen sind. Ihre Gotteshäuser waren wie etwas, das es nicht gibt. Das Land machte eine Krankheit durch. Die Götter kümmerten sich nicht um dieses Land.... Wenn man einen Gott anrief, um ihn um etwas zu bitten, dann kam er nicht. Wenn man eine Göttin anrief, ebenso, dann kam sie nicht.“

Echnatons Glaube war eine Gegenreligion, schreibt der bedeutende Ägyptologe Jan Assmann, keine Erlösungsreligion, denn "Erlösungsreligionen wollen den Menschen nicht in der Welt beheimaten, sondern im Gegenteil ihn der Welt entfremden. Sie appellieren an ein außerweltliches Selbst als einem transzendenten Wesenskern. Das Gegenteil erstrebte die Amarna-Religion. Der Mensch wird der Welt eingegliedert, indem er mit Tieren und Pflanzen an seine licht- und zeitabhängige Geschöpflichkeit erinnert wird."

Hätte dieser monotheistische Glaube eine der großen Weltreligionen werden können, wie der jüdische oder später der christliche Monotheismus, wenn er sich in Ägypten durchgesetzt hätte? Jan Assmann hält das für nicht wahrscheinlich. Er bezeichnet den Aton-Glauben als eine kosmotheistische Religion. Danach sind Gott und Kosmos, Gott und Natur eine Einheit. Der Gott der Bibel dagegen wird zwar als der Schöpfer der Welt, aber völlig getrennt von ihr gesehen. Obwohl die Religion des Echnaton monotheistisch ist, "bleibt sie kosmotheistisch und wäre daher wie alle anderen Kosmotheismen der antiken Religionsgeschichte von den Erlösungsreligionen überrannt worden.“




Der Gesetzgeber

"Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." Dies war das erste der von Moses übermittelten Gebote Jahwes. Moses - der Prophet, Bote Gottes, Gesetzgeber, Volksführer und Feldherr in einem - gilt als Begründer des Monotheismus der drei Buchreligionen.

So kennt man ihn - Moses, den Propheten Gottes, von der Marmorskulptur des Michelangelo in Rom. Das Renaissancegenie hat jene Moses-Gestalt geschaffen, die ins Gedächtnis des Abendlandes eingegangen ist: Moses, ein Gottbewegter, aus dessen Kopf unübersehbar zwei marmorne Hörner wachsen. Die Hörner haben jedoch nichts mit einem physiologischen Problem des Moses oder gar mit dem Teufel zu tun, sondern mit einer falschen Übersetzung aus dem Hebräischen. Im biblischen Text heißt es, es leuchtet in seinem Antlitz. "Leuchten" heißt aus dem Hebräischen übersetzt auch "Horn" - und so hat man in der lateinischen Übersetzung aus Moses den gehörnten Moses gemacht".

Moses, der Gottbewegte, der Gewaltige, Moses, der wütet, weil das Volk Israel das Goldene Kalb anbetet und nicht den einen wahren Gott: Die Geschichte von Moses, der das Volk Israel aus Ägypten herausgeführt hat, findet sich in der Überlieferung der drei monotheistischen Religionen. In der hebräischen Bibel, im Neuen Testament und im Koran ist Moses eine der großen Prophetengestalten.

Die älteste Geschichte von Moses und dem Volk der Israeliten findet sich in der hebräischen Bibel. Sie klingt wie die Geschichte eines Abenteurerlebens: Moses ist der Nachkomme von Wirtschaftsflüchtlingen, die vor Generationen wegen einer Hungersnot aus Kanaan nach Ägypten kamen. Diese Hebräer werden zu Frondiensten herangezogen, doch der Pharao fürchtet sich vor ihnen, weil sie so zahlreich sind. Daher sollen die Söhne der Hebräer gleich nach der Geburt ermordet werden. Doch die Mutter des Moses packt ihren Neugeborenen in ein Schilfkörbchen und setzt ihn im Nil aus. Dort findet ihn eine ägyptische Prinzessin und zieht ihn am Hof des Pharaos auf. Als Moses seine wahre Herkunft entdeckt, nimmt er Partei für die Hebräer. Er erschlägt einen ägyptischen Aufseher und muss flüchten. Und hier beginnt die eigentliche Geschichte des Moses.

Moses erhält von Gott den Auftrag, zum Pharao zu gehen und die Freilassung des Volkes Israel zu fordern.
Im Judentum ist Moses ein Bote Gottes, Gesetzgeber, Volksführer und Feldherr in einem.
Im Christentum wird die Auseinandersetzung um Moses als Reflexion über das Verhältnis von Judentum und Christentum, von Gesetz und Evangelium, dargestellt.
Auch im Koran kennt man die Berufungsvision des Moses. "Moses! Ich bin Gott, der Herr der Menschen in aller Welt." So lautet die Gottesoffenbarung in der Sure 28.
Die Geschichten von der Offenbarung Gottes haben durch Jahrtausende ihre Wirkung behalten. Juden, Christen und Muslime beziehen sich bis heute auf Moses, auf das Volk Israel und seinen Auszug aus Ägypten.

Für Historiker handelt es sich bei der Mosesgeschichte jedoch nicht um einen historisch exakten Bericht, sondern um eine Legende. Dass es einen historischen Kern dieser Legende gibt, hält der Ägyptologe Jan Assmann jedoch für wahrscheinlich. Denn es gab in Ägypten Herrscher nichtägyptischer Herkunft, z.B. die Dynastie der Hyksos - Einwanderer, die sich im Nildelta ansiedelten. Sie herrschten als Könige Ägyptens, ehe sie vertrieben wurden und Ägypten Kolonialmacht wurde. Auch in der Bibel gibt es ein Indiz für einen historischen Kern. Im Buch Exodus findet sich der Name Ramses. Auch der Name Israel wird an einer Stele aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. erwähnt.

Alle diese Indizien können der Moses-Geschichte historisch Plausibilität verleihen. Historisch wirksam jedoch ist die Geschichte von dem einen Gott, mit dem das Volk Israel am Sinai einen Bund schließt, jedenfalls bis heute.

Gustave Doré, Moses zerschmettert die Gesetzestafeln



Sigmund Freud über Moses

Freud geht es in seinem letzten Buch, Der Mann Moses und die monotheistische Religion, aus dem Jahre 1938 um den Ursprung des Judentums und um den damit verbundenen (jüdischen) Monotheismus. Aber auch um den Ursprung des Judenhasses. (Vgl. Jan Assmann: Sigmund Freuds Konstruktion des Judentums. In: Psyche, Febr. 2002, S. 157.)

Er sieht im jüdischen Monotheismus gegenüber den Bildreligionen einen „Fortschritt in der Geistigkeit“ (Freud, Bd. IX, S. 557). Im Bilderverbot (vgl. Ex 20:4: Du sollst dir kein Gottesbild machen) stecke der entscheidende rationalistische Impuls. Der Monotheismus fundiere mit seinem Bilderverbot, der Verwerfung des magisch wirkenden Zeremoniells und der Betonung der ethischen Forderung des Gesetzes eine „existentielle Weltfremdheit“ und damit „allmähliche Entstrickung des Menschen aus den Zwängen der Idolatrie (der Anbetung von Götzenbildern), die seinen Geist gefangen halten. Im Antisemitismus kann Freud dann eine Reaktionsbildung gegen den Geist sehen, einen Antiintellektualismus. „Antisemitismus ist Antimonotheismus und damit Antiintellektualismus.“ (Vgl. Assmann, Freuds Konstruktion des Judentums, S. 159)

Aber Freud entwickelte noch ein anderes Motiv für den Antisemitismus, das die historische Wahrheit der Religion, den Urvatermord, betrifft. Demnach haben die Juden einen gewissen Fortschritt in der Religion, der auf Jesus bzw. Paulus zurückgeht, nicht mitgemacht, den Fortschritt von der Vaterreligion zur Sohnesreligion, in welcher sich der (Christen-)Mensch von der Schuld des Urvatermordes (= Erbsünde) befreit. Die Juden müssen nun von den Christen den Vorwurf hören: „Sie wollen es nicht wahrhaben, dass sie Gott gemordet haben, während wir es zugeben und von dieser Schuld gereinigt sind.“ (Freud, Studienausgabe Bd. IX, S. 581)

Der Gottesmord, alias Vatermord, ist das Hauptmotiv in Freuds Der Mann Moses und die monotheistische Religion, denn er stellt die historische Wahrheit der Religion dar und damit eine gewisse Rechtfertigung der Religion, die eine gegenwärtige zwanghafte Wiederholung dieses historischen Ereignisses ist. Hatte Freud die Religion in Die Zukunft einer Illusion noch „hauptsächlich negativ gewürdigt“, so erweist er ihr, wie er selbst schreibt, in der Mosesschrift eine „bessere Gerechtigkeit“ (IX, S. 138).

Moses ist nach Freud „der Schöpfer des jüdischen Volkes“ (IX, S. 553) und er begründet dies folgendermaßen: Moses war selbst ein Ägypter, der einer in Ägypten lebenden jüdischen Volksgruppe den bereits wieder verbotenen Monotheismus des Echnaton als deren nun eigene Religion auferlegte und auch die ägyptische Sitte der Beschneidung bei ihnen einführte. Dieses Volk führte er dann (kurz nach Echnatons Tod, die meisten Historiker jedoch gehen von etwa hundert Jahren später aus, also um 1250 v.Chr.) aus Ägypten heraus, so dass es sich schließlich mit anderen Volksgruppen verschmolzen in Palästina ansiedelte.


William Blake, Moses and the burning bush, Victoria & Albert Museum, London
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