Über das Ressentiment

von Nikolaus Werle

Das Ergebnis unreflektierter Ohnmacht

Das Ressentiment hat seinen Ursprung darin, dass man denkt, richtig gehandelt zu haben, aber der vermeintlichen eigenen Harmlosigkeit und Ehrlichkeit tritt das Böse in der Gestalt niederträchtiger oder zumindest Schaden wollender anderer Menschen gegenüber.

Der Begriff Ressentiment geht wahrscheinlich auf Michel de Montaigne (1532-1592, französischer Politiker und Philosoph) zurück, der ihn in die Literatur einführte. Er verwendete ihn sowohl im neutralen Sinne einer nachhaltigen Empfindung als auch in der Bedeutung des möglicherweise aus dieser sich ergebenden Rachegedankens. Montaigne beschreibt den Ursprung der Grausamkeit aus der Feigheit. Er fragt, weshalb sich unsere Väter noch mit der Rache begnügten, während wir den Feind unbedingt töten wollen. Der Grund für die unbedingte Tötungsabsicht sei die Feigheit. Die Rache fürchtet nicht den Feind, sie verfolgt ihn ja. Deshalb greifen wir auch kein Tier oder einen Stein an, wenn sie uns verletzen, denn sie sind keine ebenbürtigen Gegner einer Revanche. Das aus Beleidigung entstandene Ressentiment impliziert aber durch die Macht der Zivilisation nicht immer den Rachegedanken, es beschränkt sich heute vielfach auf den nachhaltig empfundenen Schmerz.


Bei Friedrich Nietzsche, der Montaigne bewunderte, wurde Ressentiment zum Schlüsselbegriff seiner Sicht der Entstehung der Moral. Unter Ressentiment versteht er einen im Kern hintersinnigen und hinterlistigen Willen zur Macht, der sich hinter dem kleinen Leben versteckt. Denn es will Herr werden nicht über irgendetwas, sondern über das Leben selbst. Das Ressentiment will den Menschen schadlos halten, der sich der Tat aus Kleinlichkeit und Mutlosigkeit versagt. Aufgrund seiner Schwäche will der Mensch die indirekte Machtergreifung über das Leben der Anderen. „So ist der Mensch des Ressentiments weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich... Seine Seele schielt, sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hintertüren, alles Versteckte mutet ihn an als seine Welt, seine Sicherheit, sein Labsal, er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sichverkleinern, Sichdemütigen.“, so Nietzsche in: Zur Genealogie der Moral, Sämtliche Werke, Band 5, Seite 272.

Für diesen kleinen Menschen ergibt sich die eigene Gutheit nur aus der Projektion der Bosheit auf den Anderen, denn er braucht den Bösen, und zwar als Grundbegriff, von dem aus er sich als Nachbild und Gegenstück nun auch noch einen Guten zusammenphantasiert – sich selbst.

Der vom Ressentiment bestimmte Typus Mensch ist aber auch noch aus einem anderen Grund für alle Anderen gefährlich. Denn jener gefährlichste Spreng- und Explosivstoff, das Ressentiment, häuft und häuft sich beständig. Diesen Sprengstoff so zu entladen, dass er die menschliche Gesellschaft nicht zersprengt, das ist eine schwierige Aufgabe. Denn der Mensch des Ressentiments sucht für sein Leid einen „schuldigen Täter“. Das Ressentiment ist nach Nietzsche ein moralisch minderwertiges Gefühl und muss daher überwunden werden.

Andererseits sagt Nietzsche, dass deswegen erst „der Mensch überhaupt ein interessantes Tier geworden ist, dass erst hier die menschliche Seele in einem höheren Sinn Tiefe bekommen hat und böse geworden ist - und das sind ja die beiden Grundformen der bisherigen Überlegenheit des Menschen über sonstiges Getier!


Im engen Anschluss an Nietzsche sah Max Scheler (1874-1928, Philosoph und Soziologe) das Ressentiment als eine seelische Selbstvergiftung. Es findet sich vor allem bei den Dienenden und Beherrschten. Demzufolge stellte Max Scheler fest, dass die allgemeine Menschenliebe eine Aversion gegen den jeweilig nächsten Kreis der Gemeinschaft entwickelt. Es dispensiert von der Verpflichtung der nächsten Dinge. Insbesondere ergeben sich aus dem Ressentiment Werteverschiebungen in der modernen Moral:
Es dominiert nämlich

1.   der Wert des Selbsterarbeiteten und Selbsterworbenen,
2.   die Subjektivierung der Werte und
3.   die Erhebung des Nützlichkeitswertes über den Lebenswert überhaupt. Die Dominanz des Nützlichkeitswertes ergibt sich aus dem Ressentiment der Lebensuntüchtigeren gegen die Tüchtigeren, der partiell Toten über die Lebendigen.


Vom Umgang mit Aggressionen

Rücken wir nun die vergleichsweise primitiven, aber deshalb umso gefährlicheren Grundantriebe menschlichen aggressiven Verhaltens ins Bewusstsein. Dabei stoßen wir auf eine Vielzahl aggressiver Verhaltensmuster, die aus dem Tierreich bekannt sind. Im Sinne der Arterhaltung ist aber das Kampfverhalten der Tiere oft ritualisiert, damit sich Individuen der gleichen Art nicht verletzen oder töten. Wölfe etwa zeigen eine reflexhafte „todsichere“ Beißhemmung gegenüber unterlegenen Artgenossen, wenn diese ihre Halsschlagader oder durch Rückenlage die Eingeweide präsentieren.

Etwas komplexer ist der Umgang mit Aggressionen beim Menschen. Da es einem Menschen schwer fallen würde, einen anderen Menschen mit bloßen Händen umzubringen, hat der Mensch keine so rigorosen Hemmmechanismen entwickelt. Doch auch hier war die Natur erfinderisch. Ein Beispiel dazu ist das Entstehen des Lachens. Die ursprüngliche Drohgebärde des Zähnefletschens ritualisierte zum Lachen, einer gemilderten Form von Aggression, die heute auch häufig aus Verlegenheit entspringt. Die soziale Sprengkraft der Aggression wird unter (zivilisierten) Menschen entweder durch Lachen (Verlegenheit), Schadenfreude (Herabwürdigen) oder durch Liebe entschärft, da das Mängelwesen Mensch von Natur aus nur in einer funktionierenden Gruppe überleben kann.

Trotz eines dunklen Wesenskerns können wir uns immer dafür entscheiden, behutsam und liebevoll miteinander umzugehen. Dies tun wir, weil wir es wollen, nicht weil es eine sichere Grundlage für dieses Handeln gibt. Denn diese gibt es nicht.


Gerhard Zwerenz: Nicht alles gefallen lassen...

Wir wohnten im dritten Stock mitten in der Stadt und haben uns nie etwas zuschulden kommen lassen, auch mit Dörfelts von gegenüber verband uns eine jahrelange Freundschaft, bis die Frau sich kurz vor dem Fest unsere Bratpfanne auslieh und nicht zurückbrachte.

Als meine Mutter dreimal vergeblich gemahnt hatte, riss ihr eines Tages die Geduld, und sie sagte auf der Treppe zu Frau Muschg, die im vierten Stock wohnt, Frau Dörfelt sei eine Schlampe. Irgendwer muss das den Dörfelts hinterbracht haben, denn am nächsten Tag überfielen Klaus und Achim unseren Jüngsten, den Hans, und prügelten ihn windelweich.

Ich stand grad im Hausflur, als Hans ankam und heulte. In diesem Moment trat Frau Dörfelt drüben aus der Haustür, ich lief über die Straße, packte ihre Einkaufstasche und stülpte sie ihr über den Kopf. Sie schrie aufgeregt um Hilfe, als sei sonst was los, dabei drückten sie nur die Glasscherben etwas auf den Kopf, weil sie ein paar Milchflaschen in der Tasche gehabt hatte.

Um die Mittagszeit kam Herr Dörfelt mit dem Wagen angefahren. Ich zog mich sofort zurück, doch Elli, meine Schwester, die mittags zum Essen heimkommt, fiel Herrn Dörfelt in die Hände. Er schlug ihr ins Gesicht und zerriss dabei ihren Mantel. Das Geschrei lockte unsere Mutter ans Fenster, und als sie sah, wie Herr Dörfelt mit Elli umging, warf unsere Mutter mit Blumentöpfen nach ihm. Von Stund’ an herrschte erbitterte Feindschaft zwischen den Familien.

Weil wir nun Dörfelts nicht über den Weg trauen, installierte Herbert, mein ältester Bruder, der bei einem Optiker in die Lehre geht, ein Scherenfernrohr am Küchenfenster. Da konnte unsere Mutter, waren wir anderen alle unterwegs, die Dörfelts beobachten.

Augenscheinlich verfügten diese über ein ähnliches Instrument, denn eines Tages schossen sie von drüben mit einem Luftgewehr herüber. Ich erledigte das feindliche Fernrohr dafür mit einer Kleinkaliberbüchse, an diesem Abend ging unser Volkswagen unten im Hof in die Luft. Unser Vater, der als Oberkellner im hochrenommierten Café Imperial arbeitete, nicht schlecht verdiente und immer für den Ausgleich eintrat, meinte, wir sollten uns jetzt an die Polizei wenden.

Aber unserer Mutter passte das nicht, denn Frau Dörfelt verbreitete in der ganzen Straße, wir, das heißt, unsere gesamte Familie, seien derart schmutzig, dass wir mindestens zweimal jede Woche badeten und für das hohe Wassergeld, das die Mieter zu gleichen Teilen zahlen müssen, verantwortlich wären. Wir beschlossen also, den Kampf aus eigener Kraft in aller Härte aufzunehmen, auch konnten wir nicht mehr zurück, verfolgte doch die gesamte Nachbarschaft gebannt den Fortgang des Streites. Am nächsten Morgen schon wurde die Straße durch ein mörderisches Geschrei geweckt.

Wir lachten uns halbtot, Herr Dörfelt, der früh als erster das Haus verließ, war in eine tiefe Grube gefallen, die sich vor der Haustür erstreckte. Er zappelte ganz schön in dem Stacheldraht, den wir gezogen hatten, nur mit dem linken Bein zappelte er nicht, das hielt er fein still, das hatte er sich gebrochen.

Bei alledem konnte der Mann noch von Glück sagen - für den Fall, dass er die Grube bemerkt und umgangen hätte, war der Zünder einer Plastikbombe mit dem Anlasser seines Wagens verbunden. Damit ging kurze Zeit später Herr Klunker, ein Untermieter von den Dörfelts, hoch, der den Arzt holen wollte.

Es ist bekannt, das die Dörfelts leicht alles übel nehmen. So gegen zehn Uhr begannen sie unsere Hausfront mit einem Flakgeschütz zu bestreichen. Sie mussten sich erst einschießen, und die Einschläge befanden sich nicht alle in der Nähe unserer Fenster. Das konnte uns nur recht sein, denn jetzt fühlten sich auch die anderen Hausbewohner geärgert, und Herr Lehmann, der Hausbesitzer, begann um den Putz zu fürchten. Eine Weile sah er sich die Sache noch an, als aber zwei Granaten in seiner guten Stube krepierten, wurde er nervös und übergab uns den Schlüssel zum Dachboden.

Wir robbten sofort hinauf und rissen die Tarnung von der Atomkanone. Es lief alles wie am Schnürchen, wir hatten den Einsatz oft genug geübt, die werden sich jetzt ganz schön wundern, triumphierte unsere Mutter und kniff als Richtkanonier das rechte Auge fachmännisch zusammen.

Als wir das Rohr genau auf Dörfelts Küche eingestellt hatten, sah ich gegenüber im Bodenfenster ein gleiches Rohr blinzeln, das hatte freilich keine Chance mehr, denn Elli, unsere Schwester, die den Verlust ihres Mantels nicht verschmerzen konnte, hatte zornroten Gesichts das Kommando Feuer erteilt. Mit unvergesslichem Fauchen verließ die Atomgranate das Rohr, zugleich fauchte es auch auf der Gegenseite. Die beiden Geschosse trafen sich genau in der Straßenmitte.

Natürlich sind wir nun alle tot, die Straße ist hin, und wo unsere Stadt früher stand, breitet sich jetzt ein graubrauner Fleck aus. Aber eins muss man sagen, wir haben das Unsere getan, schließlich kann man sich nicht alles gefallen lassen. Die Nachbarn tanzen einem sonst auf der Nase herum.



Dieses von der US-Regierung 1960 veröffentlichte Foto zeigt einen Nachbau der „Little Boy“ Atombombe, die am 6. August 1945 über Hiroshima abgeworfen wurde. Little Boy enthielt 64 kg Uran, wog 4040 kg und war 3,20 m lang. Ihre Explosionskraft ist mit der von 20.000 Tonnen TNT-Sprengstoff vergleichbar.

Schlussfolgerung

Das Ressentiment ist also eine Abneigung, die gegenüber Argument und Erfahrung abgedichtet ist. Sie ist mit einer Berührungsangst verbunden, die wesentlich Angst vor dem Verlust dessen ist, was einem Halt gibt. In bestimmten Moralauffassungen übernimmt das Ressentiment die Führung des moralischen Bewusstseins. Die im Kern auf Gleichheit ausgerichtete Moral der Gegenwart ist eine aus Abneigung gegen alles Außerordentliche geborene Neigung zu Mittelmaß und Mäßigung. Die mit Ressentiment Geladenen neiden den anderen ihre Andersheit. Neid auf das Fremde, das von einem selbst nicht gelebte Leben wird so zu einer Quelle des Ressentiments. Aus diesem Grund gehört die Bewusstmachung des Ressentiments zum Grundbestand einer freien Moral.

Der Mensch ist ein Unterschieds-, Vergleichs- und Zugehörigkeitswesen. Immer findet er zu sich selbst über die Abgrenzung zu anderen. So gewinnt er Orientierung über Identität durch Differenz. Der Mensch ist also ein unterschiedssensitives und anpassungsfähiges Wesen. Je weiter die äußere soziale Angleichung vorangetrieben wird, desto größer die Sehnsucht nach Differenzen. Es ist ein Paradoxon der Geschichte: Je weiter die Annäherung an das Ziel der Gleichheit gediehen ist, um so hysterischer wird die Restungleichheit skandalisiert und damit eine Basis für Neid, Missgunst und Ressentiment geschaffen.


Paul Flora, Drei Pestärzte, Lithographie, 1996

Ressentiment ist aber auch eine neidische und rachsüchtige Haltung. Sie entsteht aus ohnmächtiger Wut. Weil sich ein ressentimentgeladener Mensch ohnmächtig fühlt, zeigt er Ärger, Wut oder Hass auf denjenigen, dem es vermeintlich besser geht, nicht offen. Stattdessen grollt er ihm. Wer Groll gegen einen beneideten Mitmenschen hegt, erlebt sich in mehrfacher Weise ohnmächtig. Erstens glaubt er nicht daran, das begehrte Gut aus eigener Anstrengung zu erlangen. Zweitens fürchtet er, dass er unterliegt, wenn er versuchen würde, sich gegen den anderen offen feindselig zu verhalten. Und drittens wagt er es nicht, sich seinen Neid einzugestehen, da er gelernt hat, dass nur böse Menschen neidisch sind. Unter diesen Bedingungen werden Neid und Feindseligkeit verdrängt, so dass sie sich nur mehr maskiert zeigen dürfen. die ideale Rolle für ressentimentgeladene Menschen ist deshalb die Opferrolle. Das demonstrativ stille Leiden an der Ungerechtigkeit der Welt zielt nicht auf das Mitleid der anderen Menschen, wohl aber entspringt es einem tiefen Selbstmitleid, das sich alle Versuche, die eigene Situation aktiv zu ändern, von vornherein erspart. Dieses Leiden legt es dem vermeintlich Bessergestellten oder sich Vorteile Verschaffenden auch nicht frei, Mitleid zu zeigen. Es ist vielmehr vorwurfsvoll. Grollend fordert es, der Beneidete möge sich schuldig bekennen, und stößt ihn auf diese Weise zurück.




Seite 1
 zurück
 Seitenanfang
 Seitenende
Druckversion in PDF