Das Böse, die Erbsünde, einige Sündenkataloge

Das Böse

Herkunft des Wortes

Das Adjektiv "böse" bedeutete ursprünglich "aufgeblasen", "geschwollen", wobei das Althochdeutsche auch die Bedeutungen "nichtig", "wertlos", "stolz" oder "heftig" zulässt.

Begriffsklärung

Für die meisten Religionen steht das Böse in der Welt im Zusammenhang mit der Vergänglichkeit und Unvollkommenheit alles Irdischen. Es ist gewissermaßen ein Gegenbild zum unvergänglichen göttlichen Sein. Für Leibniz ist das Böse die notwendige Nichtgöttlichkeit der Welt.

Christliche Deutung

In der Gestalt des Teufels (Das Wort geht auf das griechische Diabolos zurück, das Verwirrer, Verleumder bedeutet.) personalisiert sich das Böse und zeigt auch die Angst des Menschen vor der Tatsache, dass er allein es ist, der gut oder böse entscheidet und handelt.

Im AT tritt in der Person Satans der Opponent Gottes auf. Das Wort ist der Rechtssprache entnommen und bedeutet eigentlich "Ankläger vor Gericht". Im AT ist er der Feind und Widersacher Gottes und der Verführer der Menschen.

Im späteren Judentum der Antike ist der Satan der einst von Gott abgefallene und mit seinem Anhang aus dem Himmel gestürzte Fürst der gefallenen Engel.

Seine Gestalt ist mythologisch und an das alte Weltbild gebunden. Der Dämonenglaube der Antike, in der alle Krankheiten und Übel hauchartigen Wesen zugeschrieben wurden, fließt mit den alten Göttergestalten zu den Verführern der Menschen zusammen. So z.B. die Figur der Venus in Richard Wagners Oper "Parsifal".

Verhaltensweisen gegenüber dem Bösen

Vier Formen der Auseinandersetzung mit dem Bösen haben sich im Laufe der menschlichen Geschichte herausgebildet:

Flucht: Wenn das Böse als brutale Gewalt auftritt, versucht der Mensch seine eigene Freiheit durch äußere oder innere Emigration zu erhalten. Nicht jeder Mensch hat die Kraft zum offenen Widerstand oder die Möglichkeit zur Flucht. Im Urteil, wenn es schon nötig ist, ist daher Verständnis für die Anderen angebracht, aber gegenüber sich selbst sollte man Strenge walten lassen.

Kampf: Um der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, ist auch Gewalt erlaubt. Dann ist sie Liebe in fremder Gestalt.

Klugheit: Sie versucht so zu handeln, dass jeder Mensch sein Anliegen darlegen und das der anderen verstehen kann. Doch gilt auch hier die Erfahrung, dass kein Mensch in Frieden leben kann, wenn es sein böser Nachbar nicht will.

Leiden: Da mit Flucht, Kampf und Klugheit das Böse nicht überwunden werden kann, ist es möglich, ihm durch Leiden manchmal zumindest die Macht zu nehmen (so das Beispiel Mahatma Gandhis).


Die Erbsünde

Bibel

Nach Gen 2,8 - 3,24 hat der Sündenfall von Adam und Eva über diese den Verlust des vertrauten Verhältnisses zu Gott sowie Mühsal, Leiden und Tod gebracht. Der Bericht ist ein ätiologischer (Ätiologie ist ein Begriff aus der Religionswissenschaft, der einen Mythos bezeichnet, der der Begründung einer Tatsache, eines Brauchs oder eines Namens dient.), der eben besagt, dass die Elendssituation der Menschheit in diesem Sündenfall ihre Ursache hat.

Die bedeutendste Stelle des NT, die sich mit der Erbsünde beschäftigt, ist wohl das 5. Kapitel des Römerbriefes. Paulus zieht hier eine Adam-Christus-Parallele, die besagt: Wie Adam durch seine Sünde über die Menschheit den Tod brachte, so bringt Christus durch sein Erlösungswerk für alle das Leben.

Die Entfaltung der Erbsündenlehre durch die Kirche

Augustinus verbreitete den Terminus "peccatum originale" (Ursprungssünde), der maßgeblich blieb. Augustinus machte auch den ersten Versuch einer Wesensbestimmung. Im Streit mit den Pelagianern, die die Auffassung vertraten, die Erbsünde sei die Nachahmung des schlechten Beispiels Adams, entwickelte er die Lehre, dass die Erbsünde concupiscentia (= Begehrlichkeit, Verlangen) sei, jedoch nicht nur im Sinne einer Rebellion der niederen Kräfte gegen die Vernunft, sondern auch als ausgesprochene Aversion gegen Gott und Verabsolutierung des eigenen Willens durch die Ablehnung der Liebe.

Mit dem Begriff der Erbsünde wird also eine theologische Aussage über die menschliche Natur gemacht, die eine grundsätzliche und unüberwindbare Unvollkommenheit des Menschen zum Inhalt hat.

Das Christentum sagt über das Böse, dass das menschliche Versagen nicht eine falsche Einordnung eines unfreien Wesens in die Weltordnung ist - wie es der Marxismus lehrt -, sondern eine freie Willensäußerung eines freien Wesens.

Auch ist die Fähigkeit zur Sünde nicht allein die Unvollkommenheit eines freien Wesens, die durch Intellekt und Fleiß überwunden werden kann - wie der Buddhismus annimmt -, sondern Abwendung vom Guten, die bewusst geschieht und die der Mensch nicht wieder rückgängig machen kann. Die Bosheit ist auch nicht die Übertretung eines kalten und hohen Gesetzes - wie der Islam meint -, sondern die Verletzung persönlicher Liebe.

Das Motiv des Scheiterns, des Fehlgehens und der Vergeblichkeit als unausweichliches Schicksal des Menschen ist so alt wie die ältesten dichterischen Zeugnisse früherer Kulturen (z.B. Gilgamesch-Epos, Satyricon etc.). Manchmal sieht es so aus, als sei das alles aus der Unvollkommenheit der menschlichen Entwicklung zu erklären, nicht als Sünde, sondern als Noch-nicht-Ausgewachsensein. Manchmal scheint es so, als seien nur seelische Abartigkeiten die Ursachen menschlichen Versagens. Doch das Christentum lehrt, dass es einen großen Grund der menschlichen Unvollkommenheit gibt: Das große gemeinsame, unentrinnbare, aber doch schuldhafte Unvermögen zur Liebe.

In jeder persönlichen Sünde schwingt die Erbsünde wie ein Grundton mit. Sie bekommt erst Gestalt in den persönlichen Sünden. Es wird kein Mensch wegen seiner Erbsünde verurteilt, sondern wegen seiner persönlichen Entscheidungen, mit denen er die Erbsünde bejaht.


Sündenkataloge

Mit Sünde nimmt die Theologie eine religiöse Wertung sittlicher Verfehlungen vor. Diese Verfehlungen sind feststellbare Tatbestände, feststellbar von anderen Menschen, aber vor allem von uns selbst.

Die Herkunft des Wortes "Sünde" kann nicht eindeutig geklärt werden. Die althochdeutschen Wörter "sunna" bedeuten "rechtsgültiges Hindernis" und "sunta" bedeutet "Schande". Entscheidend aber ist nicht die Wortherkunft, sondern der Sinn des Begriffs, der ihm von der Theologie gegeben wurde. Christlicher Glaube sieht in der Sünde die Verletzung jener Einstellung, die Jesus von den Menschen fordert: Gottes- und Nächstenliebe (Mt 22,37-39). Die Systematisierungen menschlicher Verfehlungen nannte man Sündenkataloge. Sie sind ein Versuch, nach der Schwere der Sünden eine Abstufung vorzunehmen und eine Darstellung von Fehlhaltungen zu geben. In der Interpretation der Sündenkataloge ist immer darauf hinzuweisen, dass die Versuche, Sünde zu objektivieren letztlich nur von der Überzeugung getragen werden können, dass kein Mensch sich zum Richter über andere machen darf. "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet", sagt Jesus in der Bergpredigt (Mt 7,1).

Widerstand gegen Gott, der aus einer bewusster Ablehnung hervorgeht, wird nach Mt 12,32 als Sünde gegen den Heiligen Geist bezeichnet. Seit Petrus Lombardus (1095-1160) zählen dazu:
Vermessenheit, Verzweiflung, Ablehnung der erkannten Wahrheit, Neid über die Begnadung anderer Menschen, Verstocktheit und Unbußfertigkeit.

Durch schwere Störungen der sozialen Beziehungen sind die sogenannten himmelschreienden Sünden gekennzeichnet:
Mord, Sodomie, Unterdrückung der Armen und Ausbeutung der Arbeitenden.

Seit Gregor dem Großen (6.Jahrh.) zählt man sieben Hauptsünden, aus denen die anderen Sünden hervorwachsen. Diese Haupt-, Tod- oder Wurzelsünden können auch zu Lastern heranwachsen. Laster ist der Gegenbegriff zur Tugend. Er bezeichnet eine schuldhafte Verfestigung im bösen Tun. Laster entstehen durch schlechte Entscheidungen, die schlechte Gewohnheiten zur Folge haben. Erfolgt kein Korrektur durch Reue und Umkehr kommt es zur Verfestigung dieser Gewohnheiten, die oft einen Automatismus erzeugt. All dem liegt eine ungeordnete Selbstliebe zu Grunde, die sich im Genuss-, Macht- oder Besitzstreben zeigt.

Die Hauptsünden, die die Quelle aller Fehlhaltungen und Sünden darstellen, sind - in ihren Ansätzen bereits durch die griechische Philosophie, genauer gesagt die Stoa, formuliert - folgende:

 Stolz: im Sinne von Hochmut, Eitelkeit, äußerem Aufwand, der die anderen Menschen zu Statisten der eigenen Selbstdarstellung degradiert.

 Neid: Ein charakteristischer Zug der griechischen Religion ist der Glaube an den Neid der Götter. Nach Platon aber gehört die Neidlosigkeit zum Wesen der Götter. Die Stoiker verurteilten den Neid wie alle Leidenschaften als der Vernunft widersprechende Unzulänglichkeiten. Letztlich entspringt der Neid zugleich einer subjektiv falschen Eigenliebe und der objektiv ungleichen Verteilung von Gütern.

 Zorn: als Wut im Sinne von Rache und Vergeltung oder sogar von Vernichtungswillen, nicht als berechtigte Empörung. Denn diese kennt die Bibel im Terminus des "heiligen Zorns".

 Geiz: Das Buch Jesus Sirach 14,3f sagt: "Keiner ist schlimmer dran als der, der sich selbst nichts gönnt. " Habsucht, die Gier nach Besitz, stellt die irdischen Güter über alles. Die Stoa nennt die Habgier auch als Ursache der Kriege.

 Unkeuschheit: Das Wort geht auf das mittelhochdeutsche Wort "kiusche" zurück, das zart, fein, besonnen bedeutet. Angewendet auf die Sexualität bedeutet Unkeuschheit die Trennung von Liebe und Eros. Belastet ist der Begriff mit der Herabwürdigung der Sexualität, die jahrhundertelang das Christentum beherrscht(e).

 Unmäßigkeit: Zucht und Maß sind noch keine Verwirklichung des Guten, aber sie schaffen dafür die unerlässliche Voraussetzung. Unbeherrschtheit, Neugier etc. sind Auswirkungen der Unmäßigkeit.

 Trägheit: bezeichnet geistige Lustlosigkeit, die Lähmung des Aufschwungs aus der Dumpfheit des Alltags. Sie ist die Gewohnheit, sich vor jeder Anstrengung auszuruhen.

Durch die Sünde - dies ist allen Religionen gemeinsam - kommt es zu einer Unterbrechung der Verbindung zu Gott. Im Christentum wird diese Entfremdung von Gott nur durch eine Umkehr des Menschen aufgehoben.


   
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