Ein böser Abbé...


Totenmaske des Jean Meslier
***
Vermächtnis der Gedanken und Ansichten
von Jean Meslier, Priester, Pfarrer von Etrépigny und Balaives,
über einen Teil der Irrtümer und Missstände in der Lenkung und
Leitung der Menschen, worinnen sich klare und deutliche
Beweise für die Eitelkeit und Falschheit
aller Gottheiten und aller Religionen der Welt finden,
das nach seinem Tode seinen Pfarrkindern zukommen soll,
damit es ihnen und ihresgleichen als Zeugnis der Wahrheit diene.
In testimonium illis et gentibus
(Jenen und den Völkern zum Zeugnis), Matthäus 10, 18

In der Geschichte der Aufklärung und des Materialismus* ist das Testament des Abbé* Meslier mit einer unterirdischen Quelle vergleichbar. Denn das vollständige Testament wurde erst im 19. Jahrhundert veröffentlicht. Vorher war es in mehreren handschriftlichen Kopien in den Kreisen der Aufklärer zirkuliert. Der Autor dieses Werkes war damals nicht mehr als ein Name, hinter dem sich allerdings Unerhörtes verbarg. Heute wissen wir über den geheimnisvollen Abbé Bescheid und kennen auch die originale Gestalt seines berühmten Testaments.

Kurze Biographie

Jean Meslier wurde 1664 als Sohn eines Tuchhändlers in den Ardennen, Frankreich, geboren. Im Alter von 25 Jahren wurde er Pfarrer des Dorfes Étrépigny. Dort übte er das Priesteramt bis zu seinem Tod im Jahr 1729 aus.

Die schlechte Behandlung der Bauern seiner Gemeinde durch den adeligen Grundherrn empörte ihn und er prangerte diesen in seinen Predigten an. Der Edelmann beschwerte sich beim zuständigen Bischof und umgehend erhielt der Pfarrer einen Verweis. Das änderte aber die Einstellung und öffentliche Kritik des Priesters nicht. Auf die erneuten Klagen des adeligen Grundherrn hin wurde der Landpfarrer zum Erzbischof nach Reims zitiert. Dort wurden ihm die Leviten gelesen, sodass er es nie mehr wagte, öffentlich Kritik zu üben.

Doch in seinem Inneren dachte er nicht daran, den Widerstand aufzugeben. Vielmehr fing er an, ein Doppelleben zu führen. Nach außen tat er seinen Dienst als Pfarrer, insgeheim aber schrieb er in langen Nächten bei Kerzenschein ein religionskritisches Manuskript von weit über tausend Seiten. Der Form nach handelt es sich um eine Predigtreihe barocker Art, die zunächst für seine kleine Landgemeinde bestimmt war. Doch seine Absicht ging allmählich weiter. Er wandte sich an alle Menschen von Geist und Autorität, damit sie die Partei der Gerechtigkeit und der Wahrheit ergreifen und die schlimmen Irrtümer und ausbeuterischen Zustände, den Aberglauben, den er besonders verabscheute, und die Tyrannei anprangern und bekämpfen, bis sie vernichtet wären.

Zum Inhalt seines Testaments:

Er bezeichnete es als Wesensmerkmal jeder Religion, die unumstößliche Behauptung aufzustellen, die reinste, die vernünftigste und wahrste Doktrin zu lehren. Demnach sah er auch keine einzige Religion, die nicht ständig von Irrtümern, falschen Vorstellungen, Lügen und Betrügereien durchdrungen wäre. In der Lehre und im Glauben der Christen aber sah er besonders viel Lächerliches und Unsinniges. Denn darüber hinaus, dass es einen dreifaltigen Gott geben soll oder drei Götter, die zusammen nur einer sind, was für sich genommen schon ein genügend großer Unsinn sei, behaupte die Kirche noch, dass dieser dreifache und einige Gott weder einen Körper noch eine bestimmte Form noch Gestalt habe. Dies war für ihn als Materialisten unvorstellbar. Ebenso sei das Ehescheidungsrecht, das die Kirche durchgesetzt habe, ein besonders trauriges Unrecht, ebenso wie der immense Landbesitz der Kirche, die Rechtfertigung der weltlichen Unterdrückung und die Gedankenpolizei, die Zensur. Er widersprach der Lehre von der Schöpfung und vertrat rigoros die materialistische Auffassung, dass nichts geschaffen worden sein kann. Sein Fazit lautete daher: „Die Weisen verstellen sich in dieser Hinsicht, sie wagen es nicht, offen zu sagen, was sie denken, und es ist diesem feigen und furchtsamen Schweigen zu verdanken, dass alle die Irrtümer, dieser ganze Aberglaube und alle die Missstände, von denen ich geredet habe, sich auf der Welt behaupten und sich jeden Tag noch vervielfältigen können, wie wir es sehen.

Der Text, aus dem diese Gedanken stammen, hat dieses Schweigen gebrochen, und die Klugen, die sich, konfrontiert damit, ordentlich geschämt und danach deutlich gebessert haben, nannte man nach dieser Besserung Aufklärer. Leicht war es nicht, an ihrem Schlaf zu rütteln. Der Verfasser selbst, Jean Meslier, hat diese wichtigste und literarisch einzigartige Quellenschrift einer sich allein auf die Vernunft berufenden Kritik im Geheimen geschrieben, während er selbst seiner Gemeinde über viele Jahre jenes Wort predigte und vor ihr jene Riten zelebrierte, die er so radikal demolieren wollte. Drei Exemplare seiner Polemik hat der Alternde von Hand in quälender Mönchsarbeit nach Feierabend hergestellt, um sie den Betrogenen von Etrépigny, an deren Irreführung er sich schuldig fühlte, als Testament zu hinterlassen.

Natürlich kam die Landbevölkerung, der das dicke Buch zugedacht war, nicht in dessen Genuss - die allmächtige Staatsmacht beschlagnahmte Mesliers Arbeit, aber bald zirkulierte, was er geschrieben hatte, unter Intellektuellen* .


Tommaso Laureti (1530 – 1603): Triumph des Christentums, Vatikan

Vier Anmerkungen zum Testament des Abbé aus heutiger Sicht:

1.

Jean Meslier ließ fast keinen Punkt der religiösen Ideologie der mittelalterlichen Ständegesellschaft unbearbeitet. Die große Schwäche, der er beim Wegschaffen und Niederreißen erlag, ist seine Theorie von der Herkunft und Errichtung der religiösen Vorstellungen im historischen Urdunkel. Die Religion, meinte er, habe als bewusster Betrug der Priesterschaft angefangen. Bald kam es zur Verquickung mit der weltlichen Macht, welcher die metaphysische Gewalt der Religion sehr gelegen kam.

Spätere Erklärungsansätze für die Entstehung der Religion rückten immer näher ans gläubige Subjekt selbst heran.

Marx (1818 – 1883) und Engels (1820 – 1895) machten das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die gläubigen Menschen leben, also nicht fremde Betrüger, verantwortlich.

Freud (1856 – 1939) zog die Familiensituation heran, in der das Kind seine Weltsicht forme und der Vater zum Urbild Gottes wird.

Die moderne Hirnforschung endlich dringt zum Kern der Subjektwerdung selbst vor und wiederholt in naturalistischen Begriffen, was die klügere Theologie längst zugeben musste: Gott lebt in dir.

Damit aber ist die Theorie von der Entstehung der Religion, wie sie der Abbé in seinem Provinzpfarrhaus formulierte, heute nur mehr ein unergiebiges Detail der Atheismusgeschichte.


Jean Meslier: Le testament de .. , Amsterdam : Meijer 1864.

2.

Die größte Stärke der Kirche bestand in den von den Aufklärern getragenen Auseinandersetzungen darin, dass sie über eine Idee gebot, welche auch die Gegenpartei nicht in Frage stellte: Man braucht als Zivilisation einen Text, ein System von Sätzen, das dem Wissen, Wollen und Können die Rahmenbedingungen bereitstellt.

Angefangen von der Enzyklopädie* über die philosophischen Systeme von Vernunftfreunden wie Kant (1724 – 1804) oder Hegel (1770 – 1831) bis zur systemförmigen vitalistischen Metaphysik Feuerbachs (1804 – 1872) wurde versucht, etwas herzustellen, das der Bibel den Rang streitig machen könne. Natürlich kamen bei all diesen Versuchen immer nur schlechtere, haarspalterische, weniger poetische, weniger zwingende Texte heraus als der bereits bestehende religiöse. Denn der Anspruch auf den Text, der alles erklärt, ist ein so wesenhaft religiöser, dass eben nur die Religion ihn je einlösen kann.

3.

Die Vernunft ist nicht in der Metaphysik daheim, sondern in der Kritik und in der Praxis. Da ist sie unschlagbar. Ihre positiven Leistungen sind die richtigen Fragen und die Dampfmaschine oder das Internet, nicht irgendwelche Gebote. Diese Erkenntnis verlangt einen hohen Preis. Man muss einsehen, dass der Kopf immer nur so vernünftig ist wie die Praxis des Menschen. Wann immer die Praxis so richtig dumm wird, verkommt auch ihre Theorie. Keine Offenbarung hat je einen Staudamm bauen oder eine Krankheit heilen geholfen. Umgekehrt aber kann kein Akt des Nachdenkens und Philosophierens jemals die Welt aufschlüsseln, als wäre sie ein Kreuzworträtsel.

4.

Die großen Vulgärgestalten der Religion, Judentum, Christentum, Islam über Hinduismus und Buddhismus bis zu den Mormonen und Scientology, schütten aus vollen Kübeln Sinn über das immer beharrlichere, grausamere und unerträglichere Reale, das die Wissenschaft zwar analysiert, aber aufgrund ihrer Vernunftstruktur emotional nicht erfassen kann. Fast scheint zuzutreffen, was Dietmar Dath in seiner Rezension des Testaments des Abbé in der FAZ* geschrieben hat, dass die einzige vernünftige Religionskritik jene ist, welche wie in der russischen Revolution geschehen, Kirchengebäude beschlagnahmte und darin Schulen einrichten ließ.



Eine Textprobe aus dem Kapitel 51:

Wenn die Menschen alle Gaben, Reichtümer und Annehmlichkeiten des Lebens gemeinsam besäßen und gleichfalls gemeinsam nutzten, wenn sie sich alle einmütig mit nützlichen und ehrlichen Tätigkeiten oder einer nützlichen und ehrlichen geistigen oder körperlichen Arbeit beschäftigten und mit den Gütern der Erde und den Früchten ihrer Arbeit und ihres Fleißes vernünftig umgingen, dann hätten sie alle genügend Gelegenheit, glücklich und zufrieden zu leben, denn die Erde bringt fast immer ausreichend, ja sogar im Überfluss hervor, was nötig ist, um sie alle zu ernähren und am Leben zu erhalten, wenn sie nur immer guten Gebrauch von ihren Gütern machten. Auf diese Weise hätte ein jeder genügend, um in Frieden zu leben, niemand entbehrte das Nötigste und niemand müsste Sorgen haben, wovon er sich und seine Kinder ernähren und kleiden soll. Niemand müsste sich sorgen, wo er und seine Kinder wohnen und schlafen können, denn ein jeder fände all dies sicher, reichlich, leicht und bequem in einer wohlgeordneten Gemeinschaft. Folglich wäre niemand gezwungen, List, Tücke und Betrug anzuwenden, um seinen Nächsten hereinzulegen. Niemand bräuchte einen Prozess zu führen, um sein Eigentum zu verteidigen. Niemand bräuchte seinen Nachbarn zu beneiden, es könnte gar kein Neid aufkommen, denn alle besäßen ungefähr das Gleiche. Niemand dächte daran, den anderen wegzunehmen, was sie haben, niemand bräuchte einen anderen zu töten oder umzubringen, um seine Börse, sein Geld oder sein Eigentum zu besitzen, da es ihm in seinem Privatleben doch nichts nützte. Niemand bräuchte mehr vor Arbeit und Erschöpfung zu sterben, wie es jetzt einer Unzahl armer Leute geschieht, die gezwungen sind, sich gewissermaßen vor lauter Arbeit, Mühe und Anstrengung umzubringen, um auch nur kümmerlich leben zu können und die Abgaben und Steuern aufzubringen, die man unbarmherzig von ihnen fordert. Niemand, so sage ich, bräuchte mehr auf diese Art vor Mühe und Erschöpfung zu sterben, weil ein jeder seinerseits dem anderen bei der Mühsal der Arbeit hülfe und keiner mehr müßig ginge, während die anderen nützliche Arbeit leisten.

Seid ihr erstaunt, meine lieben Freunde? Überrascht es euch etwa, dass ihr armes Volk soviel Leid und Qualen im Leben zu erdulden habt? Tragt ihr doch allein die Last des Tages und der Hitze wie die Arbeiter, von denen in einem Gleichnis eurer Evangelien die Rede ist. Seid ihr es doch, ihr und alle euresgleichen, die ihr die ganze Last des Staates tragt, aber nicht allein die Last eurer Könige, Fürsten und Tyrannen, sondern euch liegen auch noch der gesamte Adel und die Geistlichkeit zur Last, dieses gesamte Mönchswesen, die Justizbeamten, alle Lakaien und Stallknechte der großen Herren, alle Diener und Zofen der anderen, alles Kriegsvolk, das ganze Gesindel...








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