Hieronymus Bosch
Das Jüngste Gericht

von
Nikolaus Werle








Das Jüngste Gericht, Triptychon, Öl auf Holz,
Akademie der bildenden Künste in Wien
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Die Kunst von Hieronymus Bosch widersetzt sich der Interpretation, weil sie so unerhört neu, von nie gekannter Eigenart und sehr wenig über das Leben und Denken des Künstlers überliefert ist. Trotzdem sei hiemit ein weiterer Versuch unternommen.

Zur Biographie

Bosch hieß eigentlich Hieronymus van Aken und entstammte einer Malerfamilie. Er übernahm, wie damals nicht unüblich, den Namen seiner Geburtsstadt s’Hertogenbosch (NL) für die Signatur seiner Bilder. Wahrscheinlich 1478 heiratete er Aleyt van de Marvenne, die einer wohlhabenden Familie entstammte und ihm so ein ökonomisch unabhängiges Leben ermöglichte. Um 1486 wird er in die Liebfrauenbruderschaft aufgenommen, die geistliche Erbauung mit wohltätigen Zielen verband. Bosch war ein aktives und geachtetes Mitglied dieser Laienbruderschaft. Am 9. August 1516 verzeichnet die Chronik, dass die Totenmesse für den „verstorbenen Mitbruder Hieronymus van Aken, genannt Bosch“ gelesen wurde.

Die wichtigsten Werke

Begriffsklärungen

Triptychon
(gr., dreifach) bezeichnet ein dreiteiliges Bildwerk, dessen Mitteltafel von zwei symmetrischen Flügeln flankiert wird. Von der Spätantike an bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wird diese Form meist kultisch-religiös bestimmt. Herausragende Beispiele für diese Flügelaltäre sind der Genter Altar der Brüder Van Eyck und der Isenheimer Altar des Matthias Grünewald.


Altar
lat., altaria, Aufsatz von altus 3 – hoch) bezeichnet jenen tischförmigen Aufbau, auf dem Opfer dargebracht wurden. Im Christentum ist der Altar jener Tisch, der zur Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu von der Gemeinde als Zentrum der Messfeier angesehen wird.

Eschatologie
Die Lehre von den letzten Dingen, die da sind: Tod, Gericht, Himmel, Hölle

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Es zeigt das Drama der Existenz, der göttlichen, der der Engel und der menschlichen. Angesichts der diffizil dargestellten Einzelheiten eines üppigen Universums der Sünde und der Hölle treten die brisanten theologischen Positionen des offenbar hochgebildeten und aus seinem Glauben schaffenden Künstlers fast in den Hintergrund.
Worum geht es?
Kurz gesagt lautet die Antwort: Das Böse stammt aus dem göttlichen Bereich, erfasst den Menschen und zieht ihn fast ausnahmslos in die Hölle, wo der von Gott abgefallene Luzifer seine schrecklich-düstere Herrschaft ausübt. Der Himmel ist an den Rand gedrängt und fast bedeutungslos geworden.
Die später von Martin Luther gestellte Frage: Wie finde ich einen gnädigen Gott? wird eindeutig beantwortet. Die aus dem Himmel verstoßenen Dämonen, die ins Paradies zu fallen scheinen, führen durch die Sünde den Menschen in die Hölle. Die sieben Todsünden sind der Ausdruck der menschlichen Unfähigkeit ein tugendhaftes Leben zu führen. Ähnlich wie aus Engeln Dämonen werden, werden aus Tugenden Laster, z.B. aus der Sparsamkeit Geiz. So vollzieht der Mensch in seinem Leben jenes Drama, das am Anfang im Himmel stattgefunden hat. Der gnädige Gott ist unerreichbar weit weg.

Auf der linken Flügelinnenseite ist das Paradies abgebildet. Eine tiefgrüne Landschaft, in der zeitgleich Episoden aus den ersten Kapiteln des Buches Genesis dargestellt werden, die Erschaffung Evas, die Versuchung Adams und Evas durch die Schlange, von der verbotenen Frucht des Baumes der Erkenntnis zu essen und daraus resultierend die Vertreibung aus dem Paradies. Die Schönheit des Paradieses wird durch zwei Szenen beeinträchtigt: Links sieht man ein Raubtier seine Beute zerfleischen, rechts vertreibt ein Cherub die sich ihrer Nacktheit bewusst gewordenen Menschen.

Auf der rechten Flügelinnenseite ist eine schier endlos erscheinende Brandlandschaft zu sehen. Sie zeigt das Ziel der auf der Mitteltafel abgebildeten Vorgänge. Unter dem mit einem Krötenfries geschmückten Torbogen empfängt der analog zum Weltgericht aufgestellte Höllenfürst die sündigen Menschen. Er hat die Gestalt einer Ratte, in deren Bauch feurige Kohlen glühen. Die Funken, die aus seinem Haupt schlagen, weisen auf seine Identität. Es ist Luzifer, der einstige Lichtträger, der schwärzer ist als Kohle und heißer als tausend lodernde Feuer. Zu seiner Rechten ertönt ein infernalisches Konzert, das den Gesang der aus einem Buch singenden Verdammten mit Sackpfeife und Harfe begleitet.

Der Mittelteil, der dem Triptychon eigentlich seinen Namen gibt, zeigt die Wiederkehr Christi am Ende der Tage. In Boschs Panorama spielt sie keine machtvolle Rolle mehr. In anderen großen Darstellungen, z.B. von Rogier van der Weyden oder Hans Memling, bitten Maria und die Heiligen um Gnade für die Seelen. Hier beobachten sie scheinbar unbeteiligt, wie die Menschheit zu einem grausigen Ende kommt.
Alles weist darauf hin, dass das Böse im göttlichen Schöpfungsgedanken vorhanden ist. Der Mensch vollzieht dieses unergründliche göttliche Drama. Das jüngste Gericht ist hier nur eine Episode, die die Heillosigkeit des Menschen zeigt. Alle Szenen der Mitteltafel zeigen eine einzige unerbittliche Zerstörung und Verwüstung durch Horden von Dämonen.

H.Bosch zeigt im Mittelteil die Menschheit, die wegen des Sündenfalls ihr Dasein auf jenes Ende zu verbringt, das für die überwiegende Mehrheit die Hölle bedeutet. Die Folgen des Sündenfalls drücken sich in einzelnen Sünden aus, die in den sieben Todsünden kulminieren. Jede Sünde ist Ausdruck einer dieser sieben Todsünden, die selbst das Ergebnis der Ursünde (= Erbsünde) sind.
Superbia – Stolz: Nackte von Drachen zum Krug geleitet
Avaritia – Geiz: Eingepferchter im Korb
Invidia – Neid: Eingegrabene greifen nach Rettungswerkzeugen
Luxuria – Wollust: Nackter von Fabelwesen zum Krug geleitet
Gula – Völlerei: Dicker muss Exkremente schlucken
Acedia – Trägheit: Mönche beschlagen mit glühenden Hufeisen die Füße
Ira – Zorn: von Pfeil Durchbohrter wird gefesselt abgeschleppt

Die Flügelaußenseiten, die die Wochentagsansicht bilden, sind getreu der Bildtraditonen in den Niederlanden gestaltet. Sie sind in der Technik der „Grisaille“ ausgeführt, einer Grau-in-Grau-Malerei, welche die Steinfarbe einer Kirchenwand imitieren sollte. Die abgebildeten Heiligen sollten ursprünglich wie Steinfiguren in ihren Nischen wirken. Links wandert der heilige Jakobus als Patron der christlichen Pilger durch eine Landschaft, die erfüllt ist von allerlei menschlichen Grausamkeiten. Nur sein unerschütterlicher Glaube bewahrt Jakobus vor solchem Verderben. Sein Pendant bildet ein Lokalheiliger der Stadt Gent, der heilige Bavo, der gerade einem Leprösen und einer Bettlerin, die ihre Kinder kaum ernähren kann, Almosen reicht.

Thomas von Kempen schreibt in seinem damals überaus populären Buch Imitatio Christi: „Alle Heiligen sind durch unzählige Trübsale und Anfechtungen hindurchgegangen und vollkommen geworden. Und die den Versuchungen nicht standzuhalten vermochten, wurden rückfällig und mangelhaft... Je mehr du deiner selbst jetzt schonst und dem Fleisch nachgibst, desto härter wirst du nachher büßen und desto größeren Stoff hebst du für die vernichtenden Flammen auf.“



Hieronymus BOSCH
(um 1450 – 1516)

Verwendete Literatur:
Larry Silver: Hieronymus Bosch, Hirmer Verlag, München 2006.
Hans Belting: Hieronymus Bosch, Prestel Verlag, München 2002.
Renate Trnek: Das Weltgerichtstriptychon, Wien, o.A.
Thomas von Kempen: De Imitatione Christi, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1959.

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