Die Zukunft der Religion: Gott

Nikolaus Werle

Ein paar Überlegungen zum Verhältnis Theologie und Naturwissenschaften


Der Stein, den wir loslassen, fällt zur Erde. Auf die Frage, warum er das tut, sind verschiedene Antworten möglich: weil wir ihn losgelassen haben. Weil er dem Gravitationsgesetz gehorcht. Weil es der Wille Gottes ist, ihn gemäß dem Gravitationsgesetz seinen Fall vollziehen zu lassen. Die erste Antwort ist lebensweltlich beiläufig, die zweite ist eine wissenschaftliche Erklärung, die dritte ist eine theologische Erklärung. Jede verfügt über eine seriöse Gediegenheit und kommt der anderen nicht ins Gehege. Zumindest solange die verschiedenen Erklärungsansprüche auseinandergehalten werden.

Allerdings wird heute nicht selten die Evolutionsbiologie zur atheistischen Widerlegung der Religion aufgeblasen und auf der anderen Seite bringen Vertreter des „Intelligent Design“ ihre Überzeugung von einem durch göttliche Intelligenz gesetzten Entwurf gegen wissenschaftliche Erklärungen in Stellung.

So ist es unausweichlich, auch ein paar Bemerkungen über jene Verdachtsmomente zu machen, die an ein absichtlich so und nicht anders entworfenes Universum denken lassen können...

Dabei handelt es sich vor allem um zwei Vorbedingungen, die für die Entstehung intelligenten Lebens notwendig sind: Die „Feinabstimmung“ von Expansionskraft und bremsender Gravitationswirkung in einem sehr frühen Stadium des Universums und die spezielle Bauart des Kohlenstoffatoms, ohne die das Leben nicht entstanden wäre.

So ergibt sich die Frage, was diese „Lebensfreundlichkeit“ des Universums bedeutet? Sie bloß Zufall zu nennen, wäre eine lächerliche Anmaßung, die vorgibt, diesen zu erkennen. Ebenso anmaßend wäre die Behauptung, ein göttlicher Plan stehe dahinter. Wohl aber ergibt sich daraus, dass die wissenschaftlichen Erklärungen Raum lassen für die Überzeugung von einer göttlich initiierten Welt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich daraus eine Erklärung quasiwissenschaftlicher Art ergibt. Denn dann wäre Religion wieder eine behauptete Erklärung, die sich in Lücken wissenschaftlicher Erklärungen drängt. Für das Christentum sollte jedenfalls dieses Jahrhunderte lang geltende Erklärungsschema – die Bibel als Quelle naturwissenschaftlicher Erkenntnisse - endgültig überwunden sein.

... und ebensolche zur Herkunft und Zukunft der Religion

Die Rede von der "Zukunft der Religion" erfüllt den religiösen Menschen mit einem gewissen Unbehagen. Denn die Zukunft der Religion bedenken setzt voraus, dass die Religion ein historisches Phänomen sei, mit oder ohne Zukunft, mit längerem oder kürzerem Leben und mit der Möglichkeit ihres Untergangs oder ihrer Auflösung in andere Phänomene. Eine solche Auffassung der Religion ist natürlich theoretisch möglich. Zu Recht wehrt sich allerdings die Religion gegen die Verkennung ihres Wesens, die in der Rede von der "Zukunft der Religion" enthalten ist. Denn das Wesen der Religion besteht gerade darin, dass sie die zeitlichen Formen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überschreitet.

Viele Menschen heute haben keinen Mut mehr, solche Fragen mit unbedingtem Ernst zu stellen, und sie haben auch keinen Mut mehr, auf irgendwelche Antworten auf diese Fragen zu hören. Religiös sein bedeutet, unbeirrbar nach dem Sinn unseres Lebens zu fragen und für Antworten offen zu sein, auch wenn sie uns tief erschüttern. Eine solche Auffassung macht die Religion zu etwas universaI MenschIichem, wenn sie auch von dem abweicht, was man gewöhnlich unter Religion versteht. Religion aIs Tiefendimension ist nicht der Glaube an die Existenz von Göttern, auch nicht an die Existenz eines einzigen Gottes. Sie besteht nicht in Handlungen und Einrichtungen, in denen sich die Verbindung des Menschen mit seinem Gott darstellt. Niemand kann bestreiten, dass die geschichtlichen Religionen "Religion" in diesem Sinne sind. Aber Religion in ihrem wahren Wesen ist mehr als Religion in diesem Sinne: Sie ist das Sein des Menschen, sofern es ihm um den Sinn seines Lebens und des Daseins überhaupt geht. Religion wird hier im Sinne des lat. Verbums relegere verstanden, das wieder durchwandern, überdenken, wieder lesen bedeutet.

Wenn wir Religion als das Ergriffensein von einem letzten, unbedingten Anliegen verstehen, müssen wir eingestehen, dass viele Menschen sich keines solchen Anliegens bewusst sind. Was man für ein Wiederaufleben der Religion gehalten hat, ist der oft vergebliche Versuch, das Verlorene wiederzugewinnen. Religion ist wie alles Menschliche zugleich groß und tragisch. Und da sie Ausdruck dessen ist, was uns unbedingt angeht, ist sie größer und tragischer als alles andere. Sie öffnet die Tiefe des menschlichen Geisteslebens, die zumeist vom Staub unseres Alltagslebens und vom Lärm unserer profanen Arbeit verdeckt ist. Die Religion lässt uns das Heilige erfahren, etwas, das unberührbar, Ehrfurcht gebietend, letzter Sinn, Quelle des höchsten Mutes ist. Das ist die Größe dessen, was wir Religion nennen. Aber neben ihrer Größe liegt ihre Schande. Sie macht sich selbst zu dem Höchsten und verachtet den profanen Bereich. Sie macht ihre Mythen und Lehren, ihre Riten und Gesetze zu etwas Letztem, Unbedingtem und verfolgt jene, die sich ihnen nicht unterwerfen. Sie vergisst, dass sie ihre eigene Existenz dem Faktum zu verdanken hat, dass der Mensch seinem wahren Sein tragisch entfremdet ist. Sie vergisst ihren Ursprung aus der Not. Das ist der Grund für die leidenschaftliche Reaktion der profanen Welt gegen die Religion, eine Reaktion, die für den profanen Bereich selbst tragische Folgen nach sich zieht. Die Konflikte zwischen dem Religiösen und dem Profanen können nur dann überwunden werden, wenn dieser Zusammenhang nicht übersehen wird, und nur dann hat die Religion ihren wahren Ort im Geistesleben des Menschen wiederentdeckt, nämlich in der Tiefe. Und aus dieser Tiefe gibt sie allen Funktionen des menschlichen Geistes Substanz, letzten Sinn, Gericht und schöpferischen Mut.

Der Fortbestand der Religion – also ihre Zukunft – verdankt sich ihrer Säkularisierung. Ein Zentralbegriff christlicher Theologie ist Kenosis = Entäußerung (nach Paulus’ Philipperbrief 2, 6-9: „Er war wie Gott, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“). Die Menschwerdung Gottes wird zu einer radikalen Schwächung seiner Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart. Im NT wird dieser Verzicht untrennbar mit der Liebe verbunden, die gewissermaßen das Ergebnis göttlicher Selbstentäußerung darstellt.

Die Zukunft des Christentums? Nach der vielfach unfreiwilligen Befreiung des Christentums von den Verflechtungen in politische und psychologische Macht besteht die Chance, dass jene Besinnung auf das Eigentliche stattfindet, das bis jetzt sehr verhüllt vorhanden war: Die Ausrichtung auf Gott und auf jene Tiefendimension des Menschen, die ihn vor dem Versinken in die Eindimensionalität bewahren soll.

Max Horkheimer über die Zukunft der Religion

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